home loans

Manaosai 3

simplecaddy

Your cart is empty

Who's Online

We have 32 guests online
Die offene Wunde NSU PDF Print E-mail
Literatur - புத்தகங்கள்
Written by Kerstin Vlcek   
Friday, 14 September 2018 20:55
Schwäbisch Hall / Kerstin Vlcek 11.08.2018

„Ende der Aufklärung – Die offene Wunde NSU“: Haller-Tagblatt-Redakteur Thumilan Selvakumaran ist Mitherausgeber des Buches über den NSU. Viele Fragen sind bis heute offen.

War der Mord an der Polizisten Michèle Kiesewetter in Heilbronn Zufall oder geplant? Besteht der Kern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) tatsächlich nur aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? Warum  hat der Verfassungsschutz so lange nichts vom NSU mitbekommen? Diese und noch viele weitere Fragen werden im Buch „Ende der Aufklärung – Die offene Wunde NSU“ aufgeworfen, auseinandergedröselt und versucht zu klären.

Mitherausgeber Thumilan Selvakumaran, Redakteur des Haller Tagblatts, hat mit weiteren Journalisten und Wissenschaftlern in einem rund 330 Seiten umfassenden Buch versucht, dem Leser die Komplexität des NSU-Gespinstes näherzubringen.

Das haben die 13 Autoren geschafft, auch für einen Laien in der NSU-Thematik. Dass sie lange gegraben und recherchiert haben, ist in jedem der Kapitel herauszulesen. Interviews mit Anwälten, wie jener von der Mutter von Michèle Kiesewetter, und Auszüge aus Plädoyers der Anwälte der NSU-Opfer, geben einen tieferen Einblick in das schwer zu fassende Thema

Zehn Menschen ermordet

Dem NSU werden zwischen 2000 und 2007 neun Migranten- und ein Polizistenmord, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfalle zur Last gelegt. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos begingen 2011 Selbstmord, und Beate Zschäpe stellte sich. Am 11. Juli wurde sie nach fünf Jahren Prozess in München als Mittäterin der Morde und Anschläge, wegen Mitglied­schaft im NSU und schwerer Brandstiftung zu lebenslanger Haft verurteilt.

Gerade die alleinige Beteiligung von Bönhardt und Mundlos am Polizistenmord in Heilbronn wird von den Autoren des Buches in Zweifel gezogen. Unter anderem passen Phantombilder und Zeugenaussagen nicht zur NSU-These, schreibt Selvakumaran. Dies interessiert die Staatsanwaltschaft aber scheinbar nur wenig.

Auch der Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall spielt eine Rolle. Neonazis aus ganz Deutschland, darunter auch Beamte aus dem Umfeld von Kiesewetter und dem NSU sollen Mitglieder gewesen sein. V-Mann Achim Schmid gründete zusammen mit den Klan-Männern Steffen B. und Thomas Richter im Oktober 2000 den Ableger „European White Knights of the Ku Klux Klan“ mit Sitz in Schwäbisch Hall. Die Gruppe hat rund 20 Mitglieder. Nicht nur Schmid spitzelte, sondern auch Thomas Richter, V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) mit dem Decknamen „Corelli“. Brisant: „Corelli“ galt als Top-Quelle des BfV, war in ganz Deutschland mit rechten Gruppierungen vernetzt und tauchte auf einer Adressliste von Uwe Mundlos auf – ein weiterer Baustein in der verworrenen Geschichte.

In den einzelnen Buchkapiteln und Aufdröselungsversuchen ist eine Gemeinsamkeit herauszulesen: Das Versagen des Verfassungsschutzes. Mindestens 13 Jahre lang konnte die rechte Terrorgruppe unerkannt raubend und mordend durch die Bundesrepublik ziehen. Obwohl bereits zumindest 2005 das Kürzel NSU im BfV aufgetaucht sein soll, das aber anscheinend nie beachtet wurde. Ein fataler Fehler, wie sich zeigte.

Auf den Punkt bringt es Mitherausgeber und Journalist Andreas Förster, indem er erklärt, wo der Verfassungsschutz versagt hat. Er wollte die rechte Szene kontrollieren, hat sich aber verschätzt, überschätzt und „ein mörderisches Biotop“ mit geschaffen. Selbst das Bundeskriminalamt stieß bei seinen jahrelangen Ermittlungen im NSU-Fall immer wieder auf Neonazis, die dem Verfassungsschutz als Informanten dienten. Es warnte vor einem „Brandstifter-Effekt“.

Bericht unter Verschluss

In einem Papier heißt es: „Es besteht die Gefahr, dass Quellen sich gegenseitig zu größeren Aktionen anstacheln. Somit erscheint es fraglich, ob bestimmte Aktionen ohne die innovativen Aktivitäten dieser Quellen überhaupt in der späteren Form stattgefunden hätten!“ Und das bereits 1997. Das „Staatswohl“ werde somit über die Aufklärung gestellt. Akten, die zur Aufklärung beitragen könnten, bleiben für Jahrzehnte unter Verschluss.

Ein extremes Beispiel: Durch den Untersuchungsausschuss des hessischen Parlaments wurde die Existenz eines internen 250-seitigen Berichts über den NSU-Mord in Kassel 2006 und mögliches Täterwissen im Landesamt für Verfassungsschutz Hessen bekannt. „Der Inhalt bleibt jedoch aus Gründen des ‚Staatswohls’ als streng geheim klassifiziert und das für 120 Jahre. Parlamentarische Aufklärung ist damit für die nächsten 30 Legislaturperioden ‚aufgeschoben’“, so lautet die These von Soziologe Vincent Gengnagel und Politikwissenschaftler Andreas Kallert.

„Ende der Aufklärung“ bietet noch zig weitere Beispiel, die den Leser über die undurchsichtige Herangehensweise von Landes- und Bundesbehörden beim NSU-Fall kopfschüttelnd zurücklassen.

Man fragt sich, warum eine Gruppierung 13 Jahre lang unentdeckt blieb. Fragt sich, wie das wohl bei einem nächsten Terroranschlag laufen wird. Fragt sich, wie viele Gruppierungen es in Deutschland wohl gibt, die noch immer unentdeckt sind. Fragt sich, warum ein fünf Jahre dauernder Prozess so wenige Ergebnisse liefert. Im Nachwort fragt sich Mitherausgeber Thomas Moser, ob es wohl zum Prozess NSU II kommen wird. Und wenn, appelliert er, brauche es „eine kritische und wache Zivilgesellschaft, die sich dafür einsetzt, dass die Vertuscher und Aufklärungsverhinderer nicht obsiegen“.

Info Andreas Förster, Thomas Moser, Thumilan Selvakumaran (Hg.): „Ende der Aufklärung – Die offene Wunde NSU“. 328 Seiten. Klöpfer & Meyer, Tübingen, 2018, 25 Euro.

Die drei Herausgeber des Buchs über den NSU

Thumilan Selvakumaran geboren 1982 auf Sri Lanka, kam als Kriegsflüchtling nach Baden-Württemberg, lebt heute in Hall. Er ist Journalist und Redakteur beim Haller Tagblatt. Seit 2012 recherchiert er über den NSU und den Ku-Klux-Klan. Er ist Mitautor des 2014 erschienenen Buches „Geheimsache NSU“.

Andreas Förster, geboren 1958, ist freischaffender Journalist mit Schwerpunkt Zeitgeschichte, politischer Extremismus und Nachrichtendienste. Er schreibt für verschiedene Tageszeitungen und Magazine. Er ist Herausgeber und Mitautor von „Geheimsache NSU“.

Thomas Moser, geboren 1958, ist Journalist und Politologe. Freiberuflich ist er für ARD-
Anstalten und das Online-Magazin Telepolis tätig. Er ist Mitautor von „Geheimsache NSU“.

- Kerstin Vlcek 
Foto - Ufuk Arslan
Quelle - Haller Tagblatt
Last Updated on Tuesday, 16 October 2018 15:57