Polizisten-Mord: Haller Ku-Klux-Klan rückt im Münchner NSU-Prozess in den Fokus

Der mysteriöse Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter wirft viele Fragen auf. Im NSU-Prozess stand am Mittwoch auch Hall im Fokus. Der Truppenführer der Beamtin war in Gailenkirchen im Ku-Klux-Klan aktiv.

THUMILAN SELVAKUMARAN | 24.01.2014

Der Saal A 101 im Oberlandesgericht München. Seit Mai 2013 wird dort im NSU-Prozess verhandelt. Foto: Marc Müller/dpa

Voll besetzte Zuschauerränge, etliche Polizisten und eine gelangweilte Beate Zschäpe: Vor dem Oberlandesgericht München wird die mutmaßliche Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) verhandelt. Derzeit geht es um den Anschlag auf die Polizistin Michèle Kiesewetter. Er gilt als mysteriösester Fall der Mordserie, für die der NSU verantwortlich gemacht wird.

Waren die vorangegangen neun Morde offenbar aus Fremdenhass verübt worden, fehlt für den am 25. April 2007 das Motiv. Kiesewetter und Martin Arnold (Bereitschaftspolizei Böblingen) machten im Streifenwagen auf der Heilbronner Theresienwiese Pause, als sich vermutlich zwei Täter von hinten näherten und beiden in den Kopf schossen. Lediglich Arnold überlebte.

Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt: Die beiden wurden zufällig Opfer der beiden NSU-Männer Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Dies wird damit begründet, dass es keinerlei Hinweise auf mögliche Beziehungen der Beamten in die rechte Szene gab - so steht es in Akten des Bundeskriminalamtes (BKA). Zudem hätte keiner wissen können, welcher Polizist an jenem Mittwochmittag wo Pause machte.

Ganz so eindeutig ist die Sache nicht, wie der Prozesstag am Mittwoch zeigte. Timo H., Truppenführer, der den Einsatz in Heilbronn verantwortete und womöglich die Streifen in ihre Einsatzbezirke einteilte, war bis 2002 Mitglied des Ku-Klux-Klans mit Sitz in Hall. Angeworben wurde er von einem weiteren Polizisten, Jörg W., ebenfalls aus Böblingen.

Brisant: Zwischen dem KKK und dem NSU gibt es Verbindungen. Der ehemalige Klan-Chef Achim Schmid, der in Gailenkirchen lebte, war Informant des Landesamtes für Verfassungsschutz. Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Berlin tauchte Mitte 2013 ein Papier auf, das belegt, dass Schmid auch dem sächsischen Nachrichtendienst als V-Mann diente: In der Operation "Terzett" war er 2001 auf das untergetauchte NSU-Trio angesetzt.

Thomas Richter alias "Corelli" gehörte ebenfalls zum Klan - schnüffelte für das Bundesamt für Verfassungsschutz. In einer Adressliste des Trios, gefunden in einer Jenaer Garage, taucht er als Kontaktperson auf. Mindestens einmal hat er sich persönlich mit dem NSU getroffen.

Hat Timo H., der Klan-Polizist, den NSU über Einsatzzeiten von Kiesewetter informiert? Der BKA-Beamte Martin Giebke, der das Umfeld der Getöteten beleuchtete, verneint. Woher stamme diese Sicherheit, will Nebenklagevertreterin Doris Dierbach am Mittwoch wissen. Beide Polizisten aus dem Klan seien befragt worden, erklärt Giebke. "Beide sagen aus, dass es keine Verbindung zum NSU gab." Auch Klan-Chef Achim Schmid und Thomas Richter, der seit Auffliegen des NSU 2011 in einem Zeugenschutzprogramm steckt, seien vom BKA dazu vernommen worden. Giebkes Behörde genügte dabei offenbar die Zusicherung der Neonazis, um eine Verbindung auszuschließen.

In den Polizeireihen gibt es allerdings Zweifel, ob nicht doch jemand die Einsatzzeiten weitergegeben haben könnte. Kiesewetter hatte mit einem Kollegen getauscht, ihr Name stand fünf Tage lang auf der Liste, für alle Kollegen einsehbar. Seit dem Mord würden Einsatzlisten nicht mehr im Flur aushängen, so ein Beamter als Zeuge.

Haben die Täter gezielt nach der damals 22-jährigen Polizistin gesucht und sind dafür aus Thüringen angereist? Belegbar sind Kontakte des NSU in Kiesewetters Heimatort Oberweißbach und zum Umfeld ihres Patenonkels. Freunde haben zudem Kontakte in die rechte Szene.

Offene Fragen könnten vor Gericht Zeugen wie die Klan-Polizisten klären. Diese sind aber nicht geladen, was sich bald ändern könnte, so Walter Martinek. Er ist Nebenklagevertreter von Martin Arnold und würde gern Timo H. zu den Dienstplänen befragen. Ein entsprechender Beweisantrag ist in München noch nicht gestellt. Der Heilbronner Mord bleibt in München ohnehin weiter Thema. Der BKA-Beamte wurde für Donnerstag erneut geladen.

 

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